Von Schutzengeln und anderen

Da haben wir es: Ein Meisterwerk. Mit seiner neuesten Veröffentlichung „Ein gutes Herz“ hat sich der sowieso schon geniale niederländische Autor Leon de Winter selber übertroffen.

Nur am Rande:
Unbedingt eine Verwechslung mit dem gleichnamigen, großartigen Film „Ein gutes Herz“ vermeiden. In diesem geht es zwar auch um eine Herztransplantation. Zudem wird erklärt, was Brokkoli ist: Gestalt gewordener Pfurz. Auch trifft der Autor durchaus den trockenen Humor dieses düsteren Films. De Winter aber geht weiter. Er schafft aus der innigen Verflechtung grausamer Fakten mit fantasievoller Fiktion ein bisher so noch nicht da gewesenes literarisches Konglomerat der Extra-Klasse.

Schon immer war Leon de Winter polarisierend, da er der Aufklärung – und somit der Vernunft – verpflichtet ist, statt z.B. unreflektiert romantisierend dem diffusen Konzept des „guten Wilden“ zu huldigen. Hinzukommt seine überaus realistische Selbsteinschätzung (diverse Kilo unübersehbares Übergewicht). Eigentlich ist in dem Wikipedia-Artikel alles über de Winter geschrieben, was es zu wissen gibt. Geradezu ein Intim-Feind (wenn sie sich denn wirklich gekannt hätten) war Theo van Gogh, der sich zutiefst verletzend über de Winter äußerte. (Bezeichnend ist es denn auch, wie wenig Rückhalt der durch Kollegen bekam.)

Jetzt jedenfalls nimmt sich de Winter des Regisseurs an und widmet ihm sein neuestes Buch „Ein gutes Herz“.

Der Plot: Herausragend.
Die Figuren: Diffizil gezeichnet. Vor allem das sehr unterschiedliche Innenleben sehr verschiedener Figuren wie
– den erst nieder geschossenen, dann zur Sicherheit mit einer Kris geköpften Theo van Gogh
– einen 10jährigen Jungen
– sich selber als den Schriftsteller Leon de Winter
– einen Priester mit ausgeprägtem heterosexuellem Sexualtrieb, der zum Schutzengel wird
– ein Gangster mit komplexer Identitäts-Krise
– das inzwischen eher unbekannte Purgatorium, das neben so berühmten Orten wie Amsterdam oder Las Vegas als Austragungsstätte diverser Dramen mit Läuterungs-Effekt dient
– und viele viele mehr.

Was indes ein klein wenig nervt: Bei einer Frauengestalt erliegt de Winter galloppierender Phantasie. Szene: Sie mit engem kurzem Rock auf einem Rad, heftig strampelnd, um Tempo zu bekommen. Er kurzatmig, da zu dick, hinterher. Soweit, so gut. Der Rock rutscht natürlich hoch. Klar. Noch höher. Immer noch klar. Da kann dann wirklich bis ins Allerheiligste gekuckt werden. Nur: Von „hinten“ kann kaum gesehen werden, was sich vorne abspielt. Der Autor jedoch fabuliert von „fast nacktem Hintern“ (S. 338). Ist ja nett gemeint. Und befeuert die Bildwelten der männlichen Leser. Doch ist das so Geschilderte ein Ding der Unmöglichkeit, tut mir leid. Denn ein enger Rock klebt zwischen Hintern und Sattel fest. Hoch schiebt er sich – wie gesagt – vorne. Lassen Sie sich das von einer Rock-Radlerin geschrieben sein. Vielleicht hat ihn ja aber auch der alte Queen-Song „Fat Bottomed Girls“ zu dieser Szene inspiriert.

Aber: Ein kleiner Ausrutscher in einem ansonsten makellosen Werk darf, nein, muß geradezu sein.

Jedenfalls gibt es auf den vorliegenden Seiten (über 500) soviel zu entdecken, dass es nur einen Rat geben kann: Kaufen! Lesen! Genießen! Wissen vermehren! Noch mal kaufen und verschenken!

Wir sehn uns im Kino!
Glück Auf!

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